Manualdiagnostik

Vor jeder Therapie wird in der Manualmedizin großer Wert auf eine ausführliche Diagnostik gelegt, die sich neben Anamnese und Inspektion vor allem auf Palpation, aktive und passive Bewegungsprüfung, translatorische Gelenktests, Muskeltests und Röntgendiagnostik stützt. Die spezifisch chirotherapeutische Diagnostik ist besonders auf die Untersuchung des muskuloskelettalen Systems ausgerichtet, um Blockaden zu identifizieren.

Der Ganzheitsanspruch der manuellen Medizin zeigt sich auch in ihrer Forderung, die spezifische Diagnostik immer durch eine vollständige körperliche Untersuchung sowie eine vollständige Anamnese zu ergänzen.

Spezielle Untersuchungstechniken umfassen die "segmentale Funktionsprüfung", das Aufsuchen "segmentaler Irritationspunkte" und die "funktionelle segmentbezogene Irritationsdiagnostik". Die segmentale Funktionsprüfung wird für jedes Wirbelsäulensegment einzeln durchgeführt. Sie beginnt mit der aktiven Bewegungsprüfung, an die sich eine passive Funktionsprüfung anschließt.

Bei dieser werden z. B. an der LWS, BWS und zum Teil auch HWS, die Beweglichkeit der Dornfortsätze zueinander bei Rotation, Flexion, Extension und Seitneigung durch Palpation überprüft. Eine wichtige Funktionsprüfung ist dabei die Feststellung des "Vorlaufphänomens", das eine pathologische Hypomobilität eines Gelenkes oder Segmentes mit einseitig gestörtem Gelenkspiel aufzeigt. Der "Spine-Test" wiederum - eine genaue manuelle Untersuchung des Sakroiliakalgelenkes - erlaubt den wichtigen Seitenvergleich der Gelenkfunktion.

Der "Federungstest" soll dagegen die Beurteilung der Hypermobilität eines Segmentes erlauben, z. B. des Os sacrum. Die Feststellung der "variablen Beinlängendifferenz" (ungleiche Verschiebung der Beine beim Aufrichten des Oberkörpers aus dem Liegen) soll ebenfalls Anzeichen zumeist komplexer Dysfunktionen sein. Weitere spezifische Untersuchungen betreffen die palpatorisch erfassten Rippenbewegungen während In- und Exspiration sowie eine Fülle von Untersuchungen der HWS, sowie aller Schultergürtel- sowie der Kiefergelenke. Auch die peripheren Gelenke sind Ziel der besonderen Diagnostik der manuellen Medizin: Neben passiver Beurteilung des Gelenkkapselzustandes geben zahlreiche Traktionstechniken Auskunft über die Gelenkfunktion und eventuelle Blockaden.

Ausgehend von der Ansicht der Osteopathie, dass jedem Segment der Wirbelsäule ein Irritationspunkt zugeordnet werden kann, der bei bestehender Dysfunktion als verhärtet tastbarer, muskulärer Korrespondenzpunkt mit dem Finger palpabel sei, bekommt die funktionelle, segmentale Irritationsdiagnostik eine besondere Bedeutung. Findet sich nämlich eine Gelenkblockade in Kombination mit einem positiven Befund eines segmentalen Irritationspunktes, ist die Indikation zur Chirotherapie gegeben. Gleichzeitig kann im Rahmen der segmentalen Funktionsüberprüfung die Richtung des therapeutisch notwendig werdenden manipulativen Impulses bestimmt werden ("freie Richtung").